Therapien

6–10 Minuten

Lesezeit

Ist fokussierter Ultraschall das Richtige für Dich? Ein Leitfaden zu HIFU bei Parkinson-Tremor

High Intensity Focused Ultrasound for Parkinson's disease

HIFU, kurz für hochintensiver fokussierter Ultraschall (englisch: High-Intensity Focused Ultrasound), ist ein nicht-invasives, strahlenfreies Verfahren zur Behandlung des Parkinson-Tremors. HIFU erzeugt eine irreversible Läsion im Gehirn, um die tremorerzeugenden Neuronen zu zerstören. Das Verfahren stoppt zwar nicht das Fortschreiten der Krankheit, aber Patientinnen und Patienten berichten von einer Tremorreduktion von 60–90 %¹. Manche können danach ihre Levodopa-Dosis zumindest vorübergehend reduzieren²,³.

Der Gedanke, absichtlich eine Läsion im Gehirn zu setzen, ist beunruhigend. Damit die Läsion jederzeit kontrolliert werden kann, setzen Ärztinnen und Ärzte während des Eingriffs die Magnetresonanztomografie ein – das Verfahren ist dann als MRgFUS (Magnetresonanz-geführter fokussierter Ultraschall) bekannt. Gleichzeitig überprüfen sie in Echtzeit die Wirkung auf die wache Patientin bzw. den wachen Patienten, indem sie gezielte Fragen stellen.

Fokussierter Ultraschall wird auch bei anderen Erkrankungen eingesetzt: zur Zerstörung von Krebsgewebe in der Prostata⁴, zur Behandlung von Uterusmyomen⁵ und in kosmetischen Eingriffen zur Hautstraffung⁶. In diesem Beitrag erklären wir alles Wichtige zu HIFU bei Parkinson – von der Funktionsweise bis zur Dauer der Wirkung.

Kurzfassung

  • HIFU (hochintensiver fokussierter Ultraschall) ist ein nicht-invasives Verfahren, das eine gezielte, irreversible Läsion im Gehirn erzeugt, um den Parkinson-Tremor zu reduzieren.
  • Die Tremorreduktion durch HIFU ist individuell verschieden: Manche Patientinnen und Patienten profitieren noch 5 Jahre nach dem Eingriff von der Behandlung.

Kehrt der Tremor zurück, ist eine erneute HIFU-Behandlung oder der Wechsel zur tiefen Hirnstimulation (THS) möglich.

Wie behandelt fokussierter Ultraschall den Parkinson-Tremor?

Bei HIFU bündeln Ultraschallstrahlen ihre Energie auf einen kleinen, präzise definierten Bereich im Gehirn. Die dabei entstehende Wärme zerstört irreversibel die Neuronen, die für den Parkinson-Tremor verantwortlich sind.

HIFU wird in der Regel nur auf einer Seite des Gehirns durchgeführt – links oder rechts. Die am besten untersuchten Zielregionen sind: der Globus pallidus internus (GPi), der Nucleus subthalamicus (STN) und der Nucleus ventralis intermedius (VIM) des Thalamus⁷. GPi und STN gehören zu den Basalganglien; der VIM liegt im Thalamus. Bei Parkinson werden diese Hirnregionen durch den Dopaminmangel dysreguliert.

Die Wahl der Zielregion richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen der Patientin bzw. des Patienten:

  • STN (Nucleus subthalamicus) – Subthalamotomie: ein aufkommender Zielbereich bei Bewegungsverlangsamung (Bradykinesie), Rigidität und Tremor, der manchen Patientinnen und Patienten eine Reduktion der Levodopa-Dosis ermöglicht.
  • GPi (Globus pallidus internus) – Pallidotomie: bevorzugt bei schweren Levodopa-induzierten Dyskinesien, Rigidität und Tremor.
  • VIM (Nucleus ventralis intermedius) – Thalamotomie: bevorzugt bei Parkinson mit dominantem Tremor.

Was passiert vor der HIFU-Behandlung?

Zunächst wird ein CT-Scan des Gehirns durchgeführt, um die Schädeldicke zu beurteilen und zu ermitteln, wie effektiv die Ultraschallwellen eindringen können. Die Ärztin oder der Arzt informiert die Patientin bzw. den Patienten über mögliche Empfindungen wie Wärme oder Druck. Anschließend wird der Kopf rasiert und in einem Kopfrahmen fixiert.

Was passiert während der HIFU-Behandlung?

Die Patientin bzw. der Patient ist während des gesamten Eingriffs wach, damit die Wirkung in Echtzeit überprüft werden kann. Bei Unwohlsein oder Übelkeit werden Medikamente intra-venös verabreicht.

Der Eingriff beginnt mit reversiblen Temperaturen von 40–45 °C im Zielbereich, die per MRT überwacht werden. Die Ärztinnen und Ärzte prüfen die Tremorreduktion anhand von Aufgaben wie dem Finger-Nase-Test oder dem Zeichnen. Gleichzeitig achten sie auf unerwünschte Wirkungen wie verwaschene Sprache, Taubheitsgefühl oder Sehänderungen – tritt eines davon auf, wird der Zielbereich angepasst, bevor eine dauerhafte Schädigung entsteht.

Sobald der Zielbereich als sicher und wirksam bestätigt ist, wird die Ultraschallenergie auf 54–60 °C erhöht, um die irreversible Läsion zu setzen.

Was passiert nach der HIFU-Behandlung?

Die Wirkung auf den Tremor ist sofort spürbar. Anschließend wird ein hochauflösendes MRT durchgeführt, um Lage und Größe der Läsion zu bestätigen und seltene Komplikationen auszuschließen. In der Regel verlassen Patientinnen und Patienten das Krankenhaus innerhalb von 24 Stunden und können ihren Alltag sofort wieder aufnehmen. Kontrolltermine sind typischerweise nach 1 Monat, 4 Monaten und 1 Jahr vorgesehen.

Wie wirkt sich HIFU auf motorische Symptome und Levodopa aus?

Bei Parkinson wird HIFU vor allem zur Tremorreduktion eingesetzt, kann aber auch Bewegungsverlangsamung (Bradykinesie), unwillkürliche Bewegungen (Dyskinesien) und Rigidität verbessern⁷.

Bei manchen Patientinnen und Patienten ist nach HIFU eine Reduktion der Levodopa-Dosis möglich. Laut einer klinischen Studie im New England Journal of Medicine konnten Personen, bei denen der STN als Zielregion gewählt worden war, ihre Levodopa-Dosis 4 Monate nach dem Eingriff reduzieren². Diese Reduktion ist jedoch nicht dauerhaft: In einer 3-Jahres-Nachbeobachtungsstudie kehrten die Patientinnen und Patienten trotz anhaltender motorischer Verbesserungen zu ihrer ursprünglichen Dosis zurück³. Einige mussten ihre Dosis aufgrund des natürlichen Krankheitsverlaufs sogar erhöhen³.

Welche Risiken hat MRgFUS?

Die Risiken von HIFU sind häufig vorübergehend und abhängig von der behandelten Hirnregion.

Allgemeine Risiken während des Eingriffs:

  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit
  • Schwindel

Bereichsspezifische Risiken:

STN:

  • Verwaschene Sprache
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Motorische Schwäche und Gesichtsschwäche

GPi:

  • Geschmacksverlust
  • Sehstörungen
  • Gesichtsschwäche

VIM:

  • Taubheitsgefühl oder Kribbeln
  • Koordinationsstörungen und Gleichgewichtsstörungen
  • Verwaschene Sprache
  • Schwäche

Eingriffsbezogene Risiken klingen in der Regel rasch ab; hirnspezifische Risiken können länger anhalten. In einer Studie entwickelten 15 von 27 Patientinnen und Patienten (56 %) unmittelbar nach dem Eingriff Sprachstörungen. Bei 3 Personen bestand dieses Problem noch nach 4 Monaten, bei 1 Person noch nach einem Jahr².

Kann der Tremor nach HIFU zurückkehren?

Ja, der Parkinson-Tremor kann nach HIFU zurückkehren, auch wenn viele Patientinnen und Patienten eine langfristige Linderung erleben.

Eine klinische Studie aus dem Jahr 2023 zeigte, dass 37 von 53 Teilnehmenden (70 %), die eine GPi-gerichtete HIFU-Behandlung erhalten hatten, 12 Monate nach dem Eingriff noch von der Therapie profitierten; 20 % berichteten jedoch von keiner Wirkung⁸.

In Nachbeobachtungsstudien einer STN-HIFU-Studie zeigten die Teilnehmenden anhaltende motorische Verbesserungen: Ihre motorischen Werte (MDS-UPDRS Teil III) in der OFF-Phase lagen noch 5 Jahre nach HIFU um 50 % unter dem Ausgangswert⁹.

Da Parkinson eine progressive Erkrankung ist, können die motorischen Symptome im Laufe der Zeit über den Effekt der initialen HIFU-Behandlung hinaus zunehmen.

Kann HIFU wiederholt werden, wenn der Tremor zurückkehrt?

Patientinnen und Patienten, bei denen die Wirkung der ersten HIFU-Behandlung nachlässt, können erneut mit HIFU oder mit tiefer Hirnstimulation (THS) behandelt werden.

  • Bilaterales HIFU: Ein zweiter HIFU-Eingriff kann auf der bisher unbehandelten Gehirnseite durchgeführt werden³, da Parkinson im Verlauf beide Körperseiten betrifft.
  • Tiefe Hirnstimulation (THS): Elektroden können in denselben Hirnregionen implantiert werden, die zuvor per HIFU behandelt wurden⁸,¹⁰.

Fazit: Ist HIFU eine dauerhafte Behandlungsoption bei Parkinson-Tremor?

Fokussierter Ultraschall bietet eine bedeutsame, nicht-invasive Option für Menschen, die mit Parkinson-Tremor leben – besonders für jene, die einen chirurgischen Eingriff vermeiden möchten oder auf Levodopa nur unzureichend ansprechen. Die Ergebnisse variieren von Person zu Person, und die Erkrankung schreitet fort; dennoch erleben viele Patientinnen und Patienten eine deutliche und langanhaltende Tremorreduktion. Kehren die Symptome zurück, stehen Behandlungsalternativen zur Verfügung.

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person Möglichkeiten zur Behandlung von Tremor oder Bewegungseinschränkungen erkunden, sprechen Sie mit einer Fachperson für Bewegungsstörungen, um zu klären, ob HIFU eine geeignete Option ist.

Frequently Asked Questions (FAQs) zu HIFU bei Parkinson

HIFU (hochintensiver fokussierter Ultraschall) ist ein nicht-invasives Verfahren zur Tremorreduktion, bei dem Ultraschallstrahlen auf einen gezielten Hirnbereich gerichtet werden, um die tremorerzeugenden Gehirnzellen zu zerstören.

HIFU gilt allgemein als sichere und wirksame Option für Personen, die einen invasiven Eingriff wie die tiefe Hirnstimulation (THS) vermeiden möchten. Da bei HIFU kein Schnitt erforderlich ist, entfallen die mit einer Elektrodenimplantation verbundenen Risiken wie Hirnblutungen oder Infektionen.

Die Wirkung von HIFU auf den Tremor ist individuell verschieden. Manche Patientinnen und Patienten profitieren bis zu 5 Jahre von der Behandlung; bei anderen kann die Wirkung bereits im ersten Jahr nachlassen.

HIFU wird für Menschen mit tremordominantem Parkinson empfohlen, deren Symptome nicht ausreichend auf Medikamente ansprechen, oder für jene, die eine tiefe Hirnstimulation ablehnen. Auch Alter oder bestimmte Vorerkrankungen können einen invasiven Eingriff weniger geeignet machen.

Ja, HIFU zur Behandlung von Parkinson ist in vielen europäischen Ländern verfügbar, darunter Spanien, Deutschland, Italien, die Schweiz und England.

Referenzen

  1. Armengou-Garcia L, Sanchez-Catasus CA, Aviles-Olmos I, et al. Unilateral Magnetic Resonance-Guided Focused Ultrasound Lesion of the Subthalamic Nucleus in Parkinson’s Disease: A Prospective Study. Mov Disord. 2024;39(12):2230-2241. doi:10.1002/mds.30020
  2. Martínez-Fernández R, Máñez-Miró JU, Rodríguez-Rojas R, et al. Randomized Trial of Focused Ultrasound Subthalamotomy for Parkinson’s Disease. N Engl J Med. 2020;383(26):2501-2513. doi:10.1056/NEJMoa2016311
  3. Martínez-Fernández R, Natera-Villalba E, Máñez Miró JU, et al. Prospective Long-term Follow-up of Focused Ultrasound Unilateral Subthalamotomy for Parkinson Disease. Neurology. 2023;100(13):e1395-e1405. doi:10.1212/WNL.0000000000206771
  4. Abufaraj M, Siyam A, Ali MR, et al. Functional Outcomes after Local Salvage Therapies for Radiation-Recurrent Prostate Cancer Patients: A Systematic Review. Cancers (Basel). 2021;13(2):244. Published 2021 Jan 11. doi:10.3390/cancers13020244
  5. Tonguc T, Recker F, Ganslmeier J, et al. Improvement of fibroid-associated symptoms and quality of life after US-guided high-intensity focused ultrasound (HIFU) of uterine fibroids. Sci Rep. 2022;12(1):21155. Published 2022 Dec 7. doi:10.1038/s41598-022-24994-w
  6. Juhász M, Korta D, Mesinkovska NA. A Review of the Use of Ultrasound for Skin Tightening, Body Contouring, and Cellulite Reduction in Dermatology. Dermatol Surg. 2018;44(7):949-963. doi:10.1097/DSS.0000000000001551
  7. Meng Y, Hynynen K, Lipsman N. Applications of focused ultrasound in the brain: from thermoablation to drug delivery. Nat Rev Neurol. 2021;17(1):7-22. doi:10.1038/s41582-020-00418-z
  8. Krishna V, Fishman PS, Eisenberg HM, et al. Trial of Globus Pallidus Focused Ultrasound Ablation in Parkinson’s Disease. N Engl J Med. 2023;388(8):683-693. doi:10.1056/NEJMoa2202721
  9. Natera-Villalba E, Martínez-Fernández R, Jiménez-Castellanos T, et al. Five-Year Follow-Up of Unilateral Focused Ultrasound Subthalamotomy for Parkinson’s Disease. Mov Disord. Published online April 15, 2026. doi:10.1002/mds.70307
  10. Saluja S, Barbosa DAN, Parker JJ, et al. Case Report on Deep Brain Stimulation Rescue After Suboptimal MR-Guided Focused Ultrasound Thalamotomy for Essential Tremor: A Tractography-Based Investigation. Front Hum Neurosci. 2020;14:191. Published 2020 Jun 26. doi:10.3389/fnhum.2020.00191
Susy stammt aus Peru und hat in Deutschland im Bereich Parkinson promoviert, mit Fokus auf neue Therapieansätze. Mit ihrem wissenschaftlichen Hintergrund und langjähriger Forschungserfahrung übersetzt sie komplexe Erkenntnisse in verständliche Inhalte für die Parkinson-Community. Bei Kill Parkinson arbeitet sie an evidenzbasierten Informationen, die Betroffenen im Alltag Orientierung geben.

Diesen Beitrag teilen

Einen Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert